BORRELIOSE
Nach bisheriger Lehrmeinung entwickelt nur ein Bruchteil der mit Borrel ien infizierten Patienten Späterkrankungen in Form einer Borreliose.
Hassler (1998)(2) dagegen fand bei seinen
Untersuchungen keinen Patienten, bei dem eine
Borrelieninfektion
symptomlos (= ohne
Krankheitszeichen)
geblieben ist und empfiehlt deshalb die
Antibiotikatherapie bei allen testpositiven (ca. 6 Wochen nach
Zeckenbiß bzw.
Zeckenstich)
Patienten, denn verschiedene "Volkskrankheiten" wie
Arthritis,
Nervenlähmungen oder Herzrhythmusstörungen können die Spätfolge eines
Zeckenbiss es sein.
Die neu entdeckte Huma
ne Granu
locyten
Ehrlichiose (HGE)
gewinnt differentialdiagnostisch
(= was außer Borreliose sonst
noch an Krankheiten in Frage kommt)
an Bedeutung.
Seit den frühen 80er Jahre ist bekannt, daß
die Borreliose durch das Bakterium Borrelia burgdorferi
hervorgerufen wird. Die Übertragung erfolgt durch infizierte Insekten, insbes.
Zec
ken, deshalb wird z.T. auch der Ausdruck
Zeckenkrankheit
verwendet. Die Borreliose ist eine Multisystemerkrankung und läuft in
Stadien ab. Die variable Symptomatik reicht von akuten Hautläsionen (Erythema
chronicum migrans) bis hin zu schweren rheumatologischen, neurologischen und
kardialen (= das Herz
betreffenden) Manifestationen
(=Erscheinungen).
Grundsätzlich kann jede der klinischen Manifestationen
(= Krankheitszeichen)
isoliert, aber auch in Kombinationen auftreten.
Zunächst noch ein Wort zu einer möglichen Vorbeugung:
Natürlich sollte die Zecke so schnell als möglich vollständig entfernt werden, dazu gibt es spezielle Vorrichtungen (z.B. www.zeckenschlinge.de). In entsprechenden Risikogebieten sollte man sich ein solches Instrument vielleicht doch zulegen. Nach einem Bericht der Ärztezeitung kann die Borreliose mit einer Verabreichung von 200 Milligramm Doxycyclin binnen drei Tagen nach einem Zeckenbiß bzw. Zeckenstich wirksam verhindert werden. Eine solche Vorbeugung ist aber nur dann sinnvoll, wenn die Kontaktzeit mit der Zecke mehr als 12 Stunden betragen hat. Unterhalb dieses Zeitlimits ist eine Übertragung der Erreger sehr unwahrscheinlich. Sicherheitshalber kann man nach Entfernung der Zecke dieselbe mit zum Arzt bringen, mittels Laboruntersuchungen kann dann festgestellt werden, ob diese Zecke überhaupt Borrelien in sich hatte und somit eine Borreliose übertragen konnte.
Im Stadium I der Borreliose tritt als
häufigste Frühmanifestation und damit Leitsymptom
(= vorherrschendes,
hinweisendes Krankheitszeichen) das
Erythema migrans
(= wandernde, flächenhafte
Hautrötung) auf, Tage bis Wochen nach
dem Zec kenstich. Die
makulöse (=
fleckförmige) oder oder papulöse
(= knötchenartige),
ringförmige Effloreszenz
(= Hautausschlag)
blaßt im weiteren Verlauf in der Mitte ab.
Begleitend zum Erythema migrans können Allgemeinsymptome wie Fieber,
Myalgien (=
Muskelschmerzen)
und
Kopfschmerzen, selten auch ein Meningismus
(= Krankheitszeichen wie bei
einer Hirnhautentzündung) auftreten.
Eine besondere dermatologische
(= die Haut betreffende) Reaktionsform stellt das Borrel ien-Lymphozytom
dar. Der rötlich livide Tumor tritt bevorzugt an
Ohr läppchen, Mamille
(=
Brust
warze)
oder
Hodensack auf.
DasBorrel
ien-Lymphozytom kann allerdings häufig nicht eindeutig einem bestimmten
Stadium zugeordnet werden. Selten kann es aufgrund hämatogener Aussaat
(= Streuung über die
Blutbahn) zu multiplen Erythemen
kommen.
Im Stadium II der Borreliose treten am
häufigsten neurologische Manifestationen
(= Erkennbarwerden einer Erkrankung)
auf (Neuroborreliose),
insbesondere die lymphozytäre Meningoradikulitis (LMR) mit typischer
klinischer Symptomatik in Form von radikulären
(=
Nervenwurzel
betreffenden)
Schmerzen, häufig
als quälend und brennend charakterisiert mit nächtlichen
Schmerz
exazerbationen
(= Verschlimmerungen).
In unserem bisherigen Patientengut war diesbezüglich hauptsächlich der Pl
exus lumbal
is
(= Nervengeflecht aus der
Lendenwirbelsäule) betroffen, seltener der
Ischias
-Nerv. Obwohl davon auszugehen ist, daß die ursächlichen Läsionen das
Zentralnervensystem bzw.
Rücken
mark betreffen, haben wir mit der therapeutischen
Lokalanästhesie
(= Behandlung mit
einem örtlichen
Betäubungsmittel)
in Form von engmaschig wiederholten "peripheren"
(= außerhalb des zentralen Nervensystems durchgeführten)
Blockaden des Pl exus lumbal
is bzw. des N. ischiadicus gute Erfolge gesehen. Optimal sind sog.
kontinuierliche (=
anhaltende, fortlaufende) Blockaden
mittels eingepflanztem Katheter
(= dünner Kunststoffschlauch)
über 10-14 Tage. Wahrscheinlich ist die
schmerz stillende Wirkung
darauf zurückzuführen, daß gleichzeitig auch das sympathische System gestört
bzw. betroffen ist, da der Pl
exus lumbal
is ja reichlich vegetative Fasern mit sich führt, gleiches gilt für den
N. isch
iadicus.
Als nächst höhere Therapiestufe käme dann auch die
kontinuierliche epidurale Blockade
(= rückenmarknahe) Blockade in
Frage. Die aufgeführten, kontinuierlichen Blockademethoden sind weiter
unten beschrieben.
In diesem Zusammenhang ist über ein Phänomen zu berichten, das bisher in der Literatur nicht aufgeführt wurde, diagnostisch aber richtungsweisend sein kann. Aufgefallen ist bei mehreren betroffenen Patienten mit Borreliose ein inkonstantes Reflexverhalten. So war der PSR (= Reflex der Kniescheibe n sehne) bei einer Untersuchung regelrecht auslösbar und bei der nächsten, Tage später nicht mehr und umgekehrt.
Ein weiteres Leitsymptom für die Neuroborreliose (Stadium II) sind Hirnnervenlähmungen, seltener Extremitäten - (= Arme, Beine) oder Rumpflähmungen. Die Meningoradikulitis führt zu einem charakteristischen Liquorbefund (= Untersuchung des Hirnwassers): Lymphozytäre Pleozytose (= erhöhte Lymphozytenzahl) (zwischen 30/3 und 3000/3 Zellen) und Liquoreiweißerhöhung.
Nach erfolgloser antibiotischer
Basistherapie kann zur
Schmerztherapie bei
dieser Borreliosform ambulant zunächst Baclofen (z.B. Lioresal®) versucht
werden. Teilweise hilft auch Carbamazepin (z.B Tegretal®) oder Gabapentin (z.B.
Neurontin®) bzw. Pregabalin (Lyrica®) (die Kombination mit Baclofen ist
ebenfalls wirksam und spart Carbamazepin bzw. Gabapentin oder Pregabalin ein,
womit eine höhere Dosierung und die damit verbundenen Nebenwirkungen vermieden
werden kann).
Stehen
Gelenkschmerzen im
Vordergrund (Lyme-Arthritis),
können nichtsteroidale
(= nicht kortisonhaltige)
Antirheumatika gegeben werden. Besonders magenschonend und auch
entzündungshemmend sind die sog. COX-2 Inhibitoren, z.B. Parecoxib (Dynastat®)
oder Etoricoxib (Arcoxia®), allerdings scheint diese Stoffgruppe mit
einem Herz-/Kreislauf-Risiko verbunden zu sein, zumindest bei längerer
Therapiedauer. Es bleibt abzuwarten, ob Parecoxib und Etoricoxib nicht auch noch
vom Markt genommen werden, wie schon andere Mittel dieser Stoffgruppe zuvor.
Eine weitere Manifestation des Stadium II der Borreliose stellt die Ly me-Karditis dar, gekennzeichnet durch Herzrhythmusstörungen, hpts. in Form von AV-Blockierungen unterschiedlichen Grades.
Im Stadium III zeigen sich hauptsächlich zwei Manifestationen (= Erkennbarwerden einer Erkrankung):
1. Acrodermatitis chronica atrophicans (ACA): Nach langer Inkubationszeit (= Zeitspanne zwischen der Ansteckung und Auftreten von Krankheitszeichen) (Monate bis Jahre) folgen einem initial (= eingangs) infiltrativen Stadium charakteristische atrophische Veränderungen: dünne, ähnlich einem Zigarettenpapier, gefältelte Haut bei livider Verfärbung und die Gefäße treten plastisch hervor.
2. Lymearthritis: Diese Gelenkerkrankung kann mono- oder polyartikulär (= ein oder mehrere Gelenke betreffend), chronisch oder intermittierend ablaufen. Differentialdiagnostisch (= was sonst noch an Krankheiten in Frage kommt) ist eine rheumatische Genese (= Ursache) bedeutsam.
Diagnostik bei Borreliose:
Der direkte Erregernachweis mittels Kultur
oder Mikroskopie bringt zwar einen frühzeitigen Nachweis (sofern eine Anzucht
überhaupt gelingt), ist aber sehr aufwendig. In der Praxis kommen deshalb
hauptsächlich serologische Verfahren (Nachweis der erregerspezifischen
Immunantwort) zum Einsatz, wobei die diagnostische Sensitivität im Frühstadium
der Krankheit aber eher gering und erst in späteren Stadien hoch ist. Bei
Verdacht auf
Neuroborreliose
sollte grundsätzlich auch der Liquor cerebrospinalis
(= das Hirnwasser) untersucht werden (Liquor/Serum-Paar vom selben Tag).
Eine zunehmende Bedeutung erlangt auch bei Borreliose die sog.
Polymerase-Kettenreaktion (PCR), weil mit dieser Methode innerhalb kurzer
Zeit bereits geringe Mengen an Spirochäten nachgewiesen werden können. Der
Nachweis spezifischer Genanteile (Nukleinsäuren) hat den Vorteil, daß lebende
Organismen nicht vorhanden sein müssen und es daher beim Transport der Proben
keiner besonderen Vorsichtsmaßnahme bedarf. Geeignete Untersuchungsmaterialien
sind bei Borreliose:
· Liquor (= Hirnwasser)
· Gelenk punktate (= Flüssigkeit aus dem Gelenk)
· Hautbiopsate (= Gewebeprobe aus der Haut)
· Urin.
Differentialdiagnostik
(= was außer
Borreliose sonst noch an Krankheiten in Frage kommen könnte):
Wie oben schon erwähnt, kann eine
Arthritis (=
Gelenkentzündung)
auch rheumatischer Natur sein. Herzrhythmusstörungen sind am ehesten kardial
(= das Herz betreffend)
bedingt und relativ selten auf eine Borreliose zurückzuführen. Radiku
läre (=
Nervenwurzeln betreffende) Störungen,
wie sie im Rahmen einer borreliosebedingten, lymphozytären Meningoradikulitis
(LMR) auftreten, können auch einer Mul
tiplen Sklerose zugeordnet werden. Eine zunehmende
differentialdiagnostische Bedeutung dürfte die neu entdeckte
Huma
ne Granu
locyten
Ehrlichiose
(HGE) erlangen.
Literatur: (1) Tiller, F.-W.; Diagnostische Bibliothek, Nr. 48, Juni 1997, Blackwell Wissenschaftsverlag. (2) Hassler, D.; Focus-Magazin, Nr. 17 (20.4.1998) - Teilveröffentlichung einer Habilitationsschrift über Borreliose -
Methodenbeschreibung "Kontinuierliche (repetitive) Nervenblockaden mit Katheter":
3.
N. isch iadicus (Ischias -Nerv): Bei
dieser Methode suchen wir von der Oberschenkelrückseite her, handbreit unter dem
Gesäß,
den
Ischias nerv in der Tiefe mit
einer Kanüle auf und legen einen dünnen Kunststoffschlauch in die zugehörige
Nervenscheide (Gewebsumhüllung) ein. In den folgenden 2-3 Wochen wird dann in
diesen Schlauch mehrmals täglich eine verdünnte, örtliche Betäubungsmittellösung
eingespritzt. Je nach Wirkstoffkonzentration kommt es dann im Versorgungsgebiet
des Nerven zu einer Verminderung der Schmerzempfindlichkeit bis hin zur
Schmerzfreiheit.
Anwendungsbereiche:
Fußgelenkschmerzen
4.
Plexus brachialis: Die
Einpflanzung des Katheters erfolgt nahe der Achselhöhle am inneren
Oberarm oder im
seitlichen unteren Halsbereich (der sog. interskalenäre Zugang).
Anwendungsbereiche:
Ellbogenschmerzen
und
Handgelenkschmerz,
auch
Fingerschmerzen, in
der sog. retrograd hohen Variante oder beim interskalenären
(= zwischen zwei Muskelansätzen
im unteren, seitlichen Halsbereich)
Zugang auch
Schultergelenkschmerzen.
Wenn Schmerzen aufgrund einer Borreliose längerfristig bestehen, so ist davon auszugehen, daß bereits ein Chronifizierungsgrad II oder III (Mainzer Stadieneinteilung) vorliegt. In diesen Fällen ist eine rein somatische (= körperliche) Behandlung kaum mehr ausreichend, sondern es müssen zusätzlich psychologisch /psychotherapeutische Interventionen erfolgen.
In Deutschland gibt es mittlerweile an vielen Orten Selbsthilfegruppen. Falls Sie Interesse haben: www.borreliose-bund.de (einfach anklicken).
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